touch!
Vernissage, Lech 23. 2. 2005

1. Der Punkt

Das Pixel, das Bit, die Information.

Nichts räumliches, nichts Festes, flüchtig, da und schon wieder weg. Der Stein, fest, die Zeit überdauernd, aber auch Information. Kieselalgen, die vor Millionen Jahren gelebt haben. Diese Information lebt wirklich sehr langsam, in Zeiträumen, die unserem Vorstellungsvermögen entzogen sind. Selbst der Stein des Hammurabbi, der älteste erhaltene Gesetzestext hat ein Alter, das wir uns schwer vorstellen können, so etwa 5.500 Jahre, diese Information ist aber geradezu flüchtig im Vergleich zum Alter des Steins, ein schwarzer Basalt aus den Anfängen der Entstehung der Kontinente.

Der Raster ist ein altes Mittel der Strukturierung von Information. Als wir noch Landkarten hatten und nicht GPS wurde die Erde durch Längen- und Breitengrade gerastert. Raster sind für mich Erinnerung an die Volksschule, mit Rastern haben wir Bilder vergrößern und verkleinern gelernt, mit Hilfe von Rastern haben wir die Straßen und Bäche unserer Gemeinde gezeichnet.

Mit Rastern können wir auch Information verschleiern. Denken wir an die Methode im fernsehen Gesichter dadurch unkenntlich zu machen, dass die Bildinformation in einem gröberen Raster dargestellt wird. Wir können den Bildschirm immer weiter vergrößern und vergröbern, indem wir eben den Raster verändern, bis er nicht mehr lesbar wird.

Hanno Metzler rastert die Steine und informiert uns damit über genau diesen Stein. Dieses Raster kann als ein ganz einfaches erscheinen, wie hier mit den senkrechten und waagrechten Linien auf dem "Pflasterstein", der neben mir steht, aber es können auch konzentrische Kreise sein, wie auf einem Stein, der leider aufgrund seiner Größe nicht hier sondern in Andelsbuch steht. Ein kleines Muster ist hier, links von mir der "blubb". Aber auch die Linien, die geometrisch erscheinen, sind es nicht, sie sind lebendig. Hanno Metzler vermisst die Steine nicht im Sinne eines objektiven Koordinatensystems, sondern mit den von ihm geschaffenen Rastern, nicht technisch, sondern in seiner eigenen höchst subjektiven und eigenwilligen Geometrie. In "Reibung", "Gitter", oder "Würfel" sind noch die üblichen Konzept von Raster sichtbar, aber auch in "Reptil", doch schon durch die Namengebung zeigt sich das Lebendigwerden der Linien. Bei "the wall" oder sind die Linien noch waagrecht und senkrecht, aber sie kreuzen sich nicht mehr, sie erinnern an die Struktur einer megalithischen Mauer wie sie in Mykene oder im Taltempel in Gizeh zu sehen ist. Bei "Strömung", "horizont" oder "urbar" werden die waagrechten und senkrechten Linien nun endgültig aufgelöst, sie nähern sich lebendigen Formen, möglicherweise der Struktur von Pflanzen an.


2. Die Linie

Verbindung zwischen zwei Punkten, Beziehung.

Durch die Quantenphysik haben wir gelernt, dass die Dinge nicht unabhängig von uns existieren. Die Kopenhagener Interpretation der Heisenberg'schen Unschärferelation hat zum ersten Mal aufgezeigt, dass Eigenschaften der Materie erst durch den Akt des Beobachtens entstehen. Die neuen Experiment des österreichischen Quantenphysikers Anton Zeilinger zeigen, dass wenn ein Photonenpaar erzeugt wird, der spin, die Drehrichtung dieser Photonen noch nicht festgelegt ist. Erst durch die Beobachtung eines Photons entsteht der spin - und dann nicht nur für das beobachtete Teilchen, sondern gleichzeitig für das zweite, selbst wenn dieses räumlich weit entfernt ist. Einstein hat das als spukhafte Fernwirkung bezeichnet, die ihm wie die Bezeichnung schon zeigt nicht ganz geheuer war, die sich aber aus seinen Berechnungen folgerichtig ergeben hat.

Jetzt zurück vom Spuk zum Steinemachen. Man könnte auch solche Raster programmieren und von einer NC-Maschine in den Stein schneiden lassen - die meisten Grabsteine entstehen so. Aber wir spüren, das wäre etwas ganz Anderes, diese Steine hier haben eine andere Qualität.

Eine der Kernaussagen des Konstruktivismus ist, es gibt das Beobachtete nicht ohne Beobachterin oder Beobachter. Es gibt diesen konkreten Stein nicht ohne die Tätigkeit des Künstlers Hanno Metzler. Es gibt sicher eine Ansammlung von ziemlich dichten Calzium- der Silizium-Verbindungen, je nachdem ob das Ausgangsmaterial Kalk oder Granit ist, aber es gibt nicht diese Steine. Die Steine des Mellauer Steinbruchs wurden früher nur als Schotter für den Straßenbau oder in größeren Blöcken für die Wildbachverbauung verwendet. Hanno Metzler hat aus diesen Steinen etwas Besonderes gemacht. Manche der bearbeiteten Steine waren ursprünglich Schotter oder Findlinge in den Bächen des Bregenzerwaldes, vom Wasser abgerundet und ansonsten unbeachtet. Indem er sie aus diesem Kontext entfernt, was bei den großen Findlingen mit vielen Mühen und Arbeit verbunden ist, macht er etwas neues, etwas Besonderes, Lebendiges aus ihnen. Er erkennt ihre Lebendigkeit, wenn er in der Einladung zu dieser Ausstellung schreibt: "Steine leben ganz langsam." Und ich verwende bewusst den Begriff erkennt - in dem Sinne, wie er auch in der deutschen Bibelübersetzung verwendet wird: In Genesis 4:1 heißt es: "Adam erkannte Eva, seine Frau; sie wurde schwanger und gebar Kain." Erkennen im Sinne von Beziehung schaffen und aus dieser Beziehung entseht etwas Neues. Oder, man kann es auch mit Saint Exupery ausdrücken: "Seine Blume hatte ihm erzählt, dass sie auf er ganzen Welt einzig in ihrer Art sei. Und siehe! da waren fünftausend davon, alle gleich, in einem einzigen Garten. ... Aber der Fuchs erklärt ihm: Die Zeit, die du für deine Rose verloren hast, sie macht deine Rose so wichtig."

Die Zeit die Hanno Metzler für diese Steine verwendet, indem er sie sucht und sie dann bearbeitet, das ist das Lebendige das in diesen Steinen sichtbar wird. In diesem Sinne und auch um den Prozess begrifflich einzuholen, habe ich diesen eigenartigen Ausdruck des Steinemachens für die Tätigkeit des Künstlers Hanno Metzler verwendet.


Damit sind wir beim dritten Punkt:


3. Die Fläche, das Dreieck, Vieleck

Beziehung zwischen mehreren, das Beobachten des Beobachteten, das Netzwerk

Wir stehen vor diesen Steinen und damit beginnt eine neue Geschichte, nämlich unsere Geschichte mit den Steinen, vielleicht mit einem ganz bestimmten, für den wir uns Zeit nehmen. Indem wir sie beobachten und auch anfassen - touch - treten wir in Dialog mit ihnen und entwickeln unsere ganz eigene Beziehung zu diesen "Lebewesen". Wir erzählen uns oder vielleicht auch anderen nun diese neue Geschichte. Und dazu wünsche ich ihnen viel Vergnügen, dass sie ihre Geschichte mit Hannos Steinen entwickeln, erleben und erzählen können. Diese Geschichte wird heute in diesem Rahmen eine sein, die eben auch durch diesen Rahmen, alles so offiziell, so viele kluge Leute geprägt ist. Nehmen Sie sich vielleicht einmal Zeit, wenn es ruhig und still ist, vielleicht hören sie dann eine andere Geschichte, die der Stein ihnen erzählen kann.

Univ.Prof.Dr. Hermann Denz

   
© www.hannometzler.at     Letzte Änderung: 27.2.2005