Gottfried Koch und Hanno Metzler

Gottfried Koch, GoKo, die legendäre Paraphe, in unseren Breiten bestens bekannt, mußte weichen. Schon seit einigen Jahren signiert Gottfried Koch seine Bilder mit Koch, freigestellt, und in seiner extremsten Form, zu sehen auf den Arrangements der kleinformatigen Bilder (Zufallsprodukte), als eigenes Bild, blockhaft, um nicht zu sagen eingekocht, versehen mit dem Siegel. Gottfried Koch ist für mich ein kleines Geheimnis. Ein erdfarbenes Geheimnis. Und verständlicher, ein Konzert in Ocker, Rot, Grau und Blau, in all seinen Farbnuancen. Die Farben der Erde - Bodenhaftung. Erde mitunter auch als inhaltliche Komponente zu seinen Bildern. Erde (griech. Gaia) ist bekanntlich nach dem Chaos und vor Eros, das heißt nach der Unordnung und vor der Liebe geboren, gewissermaßen umrahmt, eingeklemmt zwischen der Gewalt (dem Chaos) und dem Begehren. Kochs Bilder sind für mich irgendwo eingespannt zwischen diesem Chaos und dem Begehren und deshalb vielleicht, ein kleines Geheimnis. Aber das soll Geheimnis bleiben. Zurück zum Wesentlichen.

Kann man bei Gottfried Koch sagen was das Wesentliche ist. Ein mixtum compositum, Abstraktes wie auch Gegenständliches, Reduziertheit, das Verschwinden in der Kunst von Gottfried Koch, besser fading away – ausdünnen, leiser werden, Fragmente, man ist versucht zu sagen, wie aus einer vergangenen Welt, man erinnere sich an Höhlenmalereien von Lascaux od. Altamira, auch ein Gedächtnis?

Den warmen Erdtönen stellt Gottfried Koch ein kühles, metallisches Blau nicht gegenüber, sondern zur Seite, dem Kupferton ein Grau, dem Rot ein Schwarz. Farbe und Form bestimmen seine Bilder, harmonisch bedingen sie sich gegenseitig und geben dem Werk Spannung. Im Unterschied zu seinen Arbeiten, in denen der graphische Duktus den Bildeindruck wesentlich bestimmt, findet man hier in diesen Bildern eine genuin malerische Haltung, eine Malerei, die sich aber, wenn wir speziell die hier ausgestellten Zufallsprodukte betrachten, aus zeichnerischen Abläufen ergibt, diese aber spontan ablöst und das Dargestellte enthüllt, der erzählende Bildcharakter wird aufgelöst, der malerische Bildcharakter bildet die Klimax.

Johannes Itten in seiner "Kunst der Farbe" von 1961: "Ich weiß, daß das tiefste und wesentlichste Geheimnis der Farbwirkungen selbst dem Auge unsichtbar bleibt und nur mit dem Herzen geschaut werden kann. Das Wesentliche entzieht sich der begrifflichen Formulierung." (der Kleine Prinz läßt grüßen)

Ein Wort noch zu diesen Kleinskizzen.

Das Schwierige, laut Gottfried Koch ist nicht deren Herstellung, der künstlerische Prozeß, sondern das Schwierigste ist jeweils die Findung des inneren Kontextes, die Zusammenstellung, das Arrangement der einzelnen Fundstücke zu einer Gesamtheit, in sich abgeschlossen, ein Bild, eine Einheit ergebend. Gottfried Koch überläßt hier nichts dem Zufall, wenn ein Blatt einen halben Zentimeter nach oben verschoben ist, so ist das nicht zufällig, es ist bestimmt und mit Absicht, gewachsen aus sich selbst, es will es. Und mit einer traumwandlerischen Sicherheit, setzt er die Zeichen, die zu dieser einzigartigen Korrespondenz zwischen den Bildern führt. Wie von einer imaginären Klammer zusammengehalten.

Bei Gottfried Koch ist die Farbe gestalterisches Mittel, ist Aussage an sich. Seine Arbeiten spiegeln dies wieder, leben von der Farbe. Seine Bilder sind nicht nur vom gestalterischen her interessant, sondern vor allem auch in der perfekt beherrschten Technik, in der nuancierten Farbabstimmung. Mitunter entscheidet der erste Pinselstrich über Gedeih und Verderb des Bildes, es gibt dann kein Vertuschen, kein Verstecken, kein Korrigieren mehr und Gottfried Koch weiß, das zeigen diese Kunstwerke, um die Komposition und vor allem, er weiß noch besser um die Wirkungen der Farbe.

Heinrich Wölfflin (Verständnis des Malerischen, Kunstgeschichtliche Grundbegriffe 1915) "Es liegt im Wesen einer malerischen Darstellung (im Unterschied zur linearen Darstellung) der Erscheinung den Charakter des Schwebenden zu geben: die Form fängt an zu spielen, Lichter und Schatten werden zu einem selbständigen Element, sie suchen sich und binden sich, von Höhe zu Tiefe, von Tiefe zu Tiefe; das Ganze gewinnt den Schein einer rastlos quellenden nie endenden Bewegung." Der Schwebezustand und das rastlos Quellende, die "nie endende Bewegung" des Malerischen und der Farbkomposition, sind die souveräne Signatur, das Credo des Kunstverständnisses und der Ästhetik von Gottfried Koch.

 

Hanno Metzler

Dem Postulat, daß Kunst begriffen werden muß, trägt Hanno Metzlers Kunst Rechnung – mitunter bis zum "Aschlag". Was ich bei seiner Kunst schätze, ist die Begreifbarkeit seiner Objekte und, obwohl derselbe Stein, die unterschiedliche Stofflichkeit. Seine Steine sind für mich wie eine Art Karte zu lesen, Geographie in ihrer schönsten Form. Die französische Schriftstellerin Mademoiselle de Scudery (1607-1701) entwarf die Fiktion eines Königreichs Tendre (Zärtlichkeit) samt dessen Karte, genannt Carte du Tendre. Eine Carte du Tendre nach Hanno Metzler.

Man fährt die Linien entlang, biegt ein in die Mäander der Sehnsucht, verliert sich in den Tiefen – des Suchens, des Erkundens, begibt sich in die polierten Senkungen leisen Ausatmens, schiebt sich vor zu den Erhebungen, den Kuppen der Lust, hält inne, schon eigenartig wie sich ein polierter Solitär auf der Fingerkuppe anfühlt, verspürt Stofflichkeit – und - ruscht ab – hoppala, sie kennen das Gefühl des Abrutschens wenn man sich am Höhepunkt wähnt, macht nichts, an dieser Stelle ist auch Hannos Meisel abgerutscht, aber geben sie nicht auf, mit ihren Erkundungen vorzufahren – es lohnt sich, denn diese Steine vermitteln nicht nur Zärtlichkeit, sondern auch den Reibeisen Charakter der Realität, des Lebens.

Gerippt, gebrochen, sperrig, holprig, verstrickt, zerfurcht, zerschunden, mehrgleisig, zwar in Symmetrie, aber "schtuhert"; man glaubt die Werkunterlage für eine Kettensäge zu sein, und fühlt somit wieder eine Verbundenheit zu diesem Stein, der dem Hau-drauf ausgeliefert ist und in erster Linie durch Hannos Flex bearbeitet wird. Das Leben schreibt nämlich auch ganz andere Karten der Zärtlichkeit.

Es gibt ein Gedicht mit dem Titel "After the Goldrush", die Situation des Zurücklassens nach der Ausbeutung beschreibend. After the Goldrush: "Zurück ließ man sperriges Gebälk (im Schlund) zwischen den Kiefern gefräßigen Steins". HMs Skulpturen sind für mich neben der Carte du Tendre auch Zurückgelassenes, er ließ etwas sperriges, eine Spur zurück, die Gefräßigkeit des Steins, erzeugt durch die Gefräßigkeit der mit hoher Geschwindigkeit sich drehenden Flexscheibe, Täler, Furchen, Bruchlinien, die es dem Stein unmöglich machen, seine Kiefer wieder zu schließen und wieder gewöhnlich zu werden, wie in der unvordenklichen Zeit. Blind und ohne Bewußtsein, einfach in seiner Vitalität und Energie. Der Stein als Ausdruck einer Präsenz, was die Philosophen als reine Immanenz bezeichnen. Die unvordenkliche Zeit ist die Zeit, in der die Vermählung des Wassers mit der Erde stattgefunden hat, aus dieser Vermählung gingen die Steine hervor. Erstarrte Formen, also auch Gedächtnis. Denn der Stein ist, wenn er anzeigt, aus welcher Art Zeit er stammt, auch Erinnerung.

Die zwei Steine im alten Holz-Aushang der ÖBB (Gottfried Koch sprach von Österr. Bundesbilder), mit dem Titel Gitter und Linien, zwei imaginäre Fahrtstrecken, fahren sie ruhig diese Linien entlang – sie werden schon sehen oder besser spüren, wo sie ankommen. Ihre Geographie ist affektiv (gefühlsbetont), und die Zeit, die man ihr ablesen kann, ist schon verlangsamt.

Dann wieder Fundstücke an der Wand, deren Struktur aufgenommen, in den Raum greifend. Eine Art Geologie, der Raum scheint hier ein Konvergenzpunkt (Übereinstimmung ähnlicher Formen und Merkmale) zu sein, eine Bruchstelle, eine Plattentektonik, zwei geologische Epochen, der Ziegel - das Mauerwerk und der Mellauer Kieselkalk.

Hinsichtlich des Begreifens und der Berührung der Steine von Hanno Metzler, gibt es grob gesagt, zwei verschiedene Typen. Die einen leiten unweigerlich in die selbe Richtung, egal von welcher Seite man sie auch berührt, die anderen lassen die Richtung offen, keine Spur bewußt gelegt, kein Leitsystem, Fläche – bei Berühren ist der Ausgang offen.

Das Experimentieren mit dem Formalen ist das Wesentliche in Hanno Metzlers Arbeit mit dem Stein. Doch vielleicht interessiert vielmehr die Geographie, die Zeichen, die Projektion und nicht zuletzt die Human-Geologie, das Freilegen von Schichten – Hanno Metzler weiß die Antwort.

Gottfried Koch und Hanno Metzler im ehemaligen Bahnhof von Andelsbuch, ankommen und abfahren, oder anders gesagt "as kunt a und as fehrt inn", eine andere Art des nach Hause kommens.

Vernissagerede von Mag. Thomas Schiretz, 6 / 99

   
© www.hannometzler.at     Letzte Änderung: 10.8.2004